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Dieses Brummen! Irgendwo im Hintergrund, gleichmäßig, leise, einschläfernd. Sie hörte es. Aber was ging es sie an? Es war weit weg. Dabei hätte es bleiben können. Aber tröpfchenweise verflog die wohlige Schläfrigkeit und an ihre Stelle trat eine vage Furcht.
Sie öffnete die Augen, versuchte sich umzusehen. Erkannte nichts. Wirklich absolut nichts. Finsternis wie noch nie. Eigentlich konnte sie sich nur eine Erklärung vorstellen: Sie war blind.
Sie schloss die Augen. Suchte nach vernünftigen Gedanken. Was war mit ihr los? Wo befand sie sich? Warum? Wie kam sie hierher? Träumte sie? Alle Fragen blieben ohne Antwort. Die Erinnerung war fast so schwarz wie die Umgebung. Die letzten Stunden, Tage, Monate, vielleicht Jahre oder mehr - einfach ausgelöscht.
Wenn sie die Augen geschlossen hielt, dann sah sie sich selbst als Kind von kaum fünf Jahren. Aber das musste lange, sehr lange zurück liegen. Angeblich erinnerten sich Säufer nicht an Ereignisse der letzten Stunden, wohl aber an das, was davor lag. Sie erinnerte sich weder an die eine noch an die andere Vergangenheit. War das nicht absurd? Nicht einmal ihr Name fiel ihr ein.
Sie musste viel erlebt haben in jenem gerade verschütteten Abschnitt ihres Lebens. Immerhin: Sie kannte noch die Worte ihrer Sprache, wusste, was sie bedeuteten.
Vorsichtig hob sie den Kopf, sah ihre Brüste als aufgerichtetes Hügelpaar, erkannte sich damit als fast erwachsenes Mädchen. Das war wenigstens etwas. Ließ den Kopf fallen. Wunderte sich. Hatte sie nicht gerade etwas gesehen? Jetzt umgab sie die totale Schwärze wie zuvor.
Das musste ein Traum sein, versuchte sie sich einzureden. Also sollte sie besser weiterschlafen und später erfrischt aufwachen. Dann erwiese sich diese Art, aus einem Traum aufzuwachen, hoffentlich selbst als Traum. Welch verlockender Gedanke! Nur sprachen ihre Empfindungen dagegen, selbst, wenn sie ihr irgendwie unvollständig vorkamen. Vergeblich kämpfte sie gegen die Vorstellung an, keine Hände zu haben, keine Beine, eigentlich überhaupt keinen Körper vom Kopf an abwärts. Empfand man so, wenn man gelähmt war? War sie etwa …
Nein, sie spürte etwas. Ja, da arbeiteten Nerven! Nicht Schmerzen. Dort, wo sie endlich ihren Körper fühlte, war ihr, als ob Ameisen über die Haut krabbelten. Blut floss, als hätte es selbst bis jetzt geschlafen. Das war ein Grund zur Freude: Ziemlich sicher war sie nicht gelähmt. Und blind wohl auch nicht! Der Rest klärte sich bestimmt bald.
Einen Moment lag sie still. Überlegte. Müsste sie nicht mehr als ihren Kopf bewegen können? Weit unten die Beine zum Beispiel? Sie konzentrierte sich ganz fest auf die Zehen. Das Blut soll ruhig fußwärts fließen. So ähnlich wie bei autogenem Training, und sie stutzte, warum ihr ausgerechnet das einfiel, ihr eigener Name aber nicht. Und dieses Kribbeln nahm immer mehr zu. Sie wollte sich kratzen und konnte nicht. Wer sollte sich da konzentrieren können!
Uli! Uljana Silberbaum. Hach! Ein Blitz! Das war ihr Name. Sie atmete tief durch, freute sich und vergaß darüber fast ihren eigensinnigen Körper.
Dafür kam eine andere Frage zurück. Wo lag sie eigentlich? Die Haut ihres Rückens verriet, es war kein Bett.
Uljana hob eine Hand, drückte den Zeigefinger auf die Nasenspitze, landete fast auf der Oberlippe. Immerhin. Sie hatte Arm, Hand und Finger fast genauso bewegt, wie sie es wollte, wenn auch mit Mühe. Nur die Haut kam ihr irgendwie taub vor.
Nun den ganzen Oberkörper hoch. Gut gesagt. Erst nach drei Versuchen gelang es. Uljana stieß dabei gegen einen unsichtbaren Deckel. Glücklicherweise war er nicht schwer und ließ sich mühelos hochklappen. Beruhigt, fast schon vergnügt, stellte Uljana fest, dass sie dazu den Arm, der davor noch so schwer gewesen war, ohne große Mühe gestreckt hatte.
Noch immer war es ziemlich dunkel. Andererseits hell genug, dass Uljana Wände ringsum erkannte. Viel Einzelheiten der sie umgebenden Halle. Als dimmte jemand eine versteckte Lampe hoch, wenn sie sich aufrichtete. Doch, ja, es war genau in dem Moment heller geworden, in dem sie den Deckel hochgestoßen hatte, um sich aufzusetzen. Löste sie den Effekt demnach selbst aus? Mit dem Blind- und dem Gelähmtsein hatte sie schon zwei voreilige Schlüsse gezogen. Das reichte.
Uljana sah sich vorsichtig um. Sie lag am Ende des Raums, an einer Tür. Die Halle war lang gestreckt und kam ihr fremd vor. Sie wurde durch einen schmalen Gang in der Mitte in zwei gleiche Hälften geteilt. Auf beiden Seiten ragten Behälter von etwa zwei Metern Länge und einem Meter Breite aus der Wand. Alle von derselben Art wie ihrer. Uljana schätzte auf jeder Seite mehr als hundert. Erschauerte. Särge! Wenn die Behälter überhaupt etwas ähnlich sahen, dann Särgen. Zumindest war die Ähnlichkeit verblüffend. Solche Szenen gehörten in Horrorfilme. Oder Albträume! Uljana ballte ihre Finger zu Fäusten. Aufwachen! Warum wachte sie nicht endlich auf!
Sie ließ sich wieder zurück fallen. Dabei merkte sie, dass der Untergrund an ihre Körperform angepasst war. Eine Art Schale. Kein Sarg. Wenn sie nur wüsste, wie sie in diese Halle gekommen war!
Also noch einmal aufrichten! Uljana durchfuhr ein stechender Schmerz. Ihr Kopf war über Kabel mit einem Schaltkasten verbunden, an dem Kurven und Zahlen blinkten. Auch die linke Armbeuge und der Bauchnabel hingen auf diese Weise an dem Kasten. An einem der Kabel hatte sie beim Aufrichten gezogen. Uljana nahm sich vor, sich nicht mehr dieser lähmenden Angst hinzugeben.
Vorsichtig versuchte sie mehr zu erkennen. Sie entdeckte nur die drei Leitungen. Also hing sie nicht an einem Tropf. Meldete sich gerade wieder eine Erinnerung aus frühen Kinderzeiten? Wahrscheinlich. Ein Arzt sagte zu jemandem, den sie nicht sehen konnte, "Der Fuß ist nicht zu retten, aber wir wollen alles versuchen …" Nein, an der Stelle hörte der Film auf. Seltsam. Uljana sah sich durch die Luft fliegen, sah eine blendend helle Lampe über sich, spürte das Jucken überall, wo sie sich nicht kratzen konnte. Es half nichts. Wieder Dunkelheit.
Uljana musterte die Anzeigen auf dem Kasten. War sie krank? Manches war eindeutig beschriftet, mit einigen Werten konnte sie sogar etwas anfangen. Der Herzschlag zum Beispiel war in Ordnung. Temperatur, Atemfrequenz. Selbst der Hämoglobinwert.
Dieses eintönige leise Summen. Uljana war sich sicher, dieses Geräusch früher noch nie gehört zu haben. Was war das? Sie lehnte sich wieder zurück, fühlte sich müde. Grübelte. Kalt war es nicht in dem Saal. Trotzdem. Warum lag sie nackt in einer Schale mit Deckel?
Sie schloss die Augen. Bilder, denen die Farbe fehlte. Langsame Bewegungen, dann wieder ein Ruck zum nächsten Bild. Ein Mann lächelte sie an. Sie streckte sich auf einer Liege aus. Freiwillig. Nackt. Aber warum?
Uljana zitterte. Jetzt! Das waren sie, die richtigen Bilder. In denen war der Schlüssel zu ihrer Lage verborgen.
Eine Schwester strich ihr über die Stirn, richtete eine Spritze auf die Armbeuge … dann sah sie nichts mehr. Oder doch noch ganz kurz. Hinter der Schwester ihre Mutter.
Mum? Uljana sah sie deutlich vor sich. Debbie, ihre Mutter. Aber gleich in zwei Gestalten: Als eine ganz junge, wunderschöne Frau mit vollen, lockigen Haaren und eine nicht mehr ganz so junge. Wahrscheinlich während der Operationsvorbereitung in der Kinderzeit und bei dem Ereignis, an das sie sich unbedingt erinnern musste.
Uljana hörte das Blut im Ohr pulsieren. Wie bekäme sie endlich Ordnung in ihren verwirrten Schädel? Und woher kam der Gedanke, ihre Mutter läge gleich im nächsten Sarg? Sie brauchte nur aufzustehen und sich zu überzeugen? Es gab einen Grund für diese Sicherheit. Nur welchen? Uljana wollte aufstehen und Debbie wecken.
Sie wendete sich wieder dem Kasten mit seinen vielen Anzeigen zu. Schalter, Hebel, Druckknöpfe, …da stimmte doch etwas nicht. Es passte nicht zu den Erinnerungen. Also zu denen, die ganz dicht waren wie ein Wort, das man kennt und das genau in dem Moment, wenn man es aussprechen will, eben doch nicht da ist.
Die Akustiksteuerung! Das war es. Wieso war hier keine Akustiksteuerung installiert? Nahezu alles konnte man früher ansprechen und damit das jeweils gewünschte Programm aktivieren. Warum jetzt nicht hier? Das konnte sie doch ausprobieren.
Also was wollte sie? Erst einmal "Kontakt lösen!" Uljana sagte es klar und deutlich.
Nichts geschah. Vielleicht mit einem anderen Kommando? Oder musste sie anstatt dessen auf einen der Knöpfe drücken? Bloß auf welchen? Auf den grünen, über dem das Kabel zum Kopf endete? Schließlich streckte sie zaghaft eine Hand in Richtung Kasten aus und drückte auf den grünen Button. Das Gerät brummte auf. Ganz kurz schreckte Uljana zusammen. Warf sich auf die Unterlage. Noch während dieser Bewegung sprang das Kabel von ihrem Kopf ab. Dafür schoben sich zwei mechanische Hände aus den Seitenfronten ihres Behälters. Sie begannen ihre Haut zu massieren. Uljana schloss die Augen. War das angenehm! Sie hätte sich dehnen und strecken wollen. Das vertrieb sowohl das Kribbeln als auch die unerklärliche Taubheit der Haut. Weiche Finger brachten endlich die Durchblutung in Ordnung. Zum ersten Mal, seit Uljana erwacht war, ohne zu wissen wo, fühlt sie sich wohl. Das könnte ewig so gehen, dachte sie noch. Dann verschwand alles um sie herum.
Irgendwann ertönte ein schmatzendes Geräusch und die beiden Strippen mit den Massagefingern wurden wie von unsichtbarer Hand in die Seitenverkleidung des Behälters zurückgezogen.
Die angenehmen Schauer wirkten noch nach. Erst allmählich fand Uljana wieder in ihren Behälter zurück. Sie fühlte sich wohlig schlaff. Jetzt einen Moment ruhen, dachte sie, und dann wäre alles wieder in Ordnung. Schon war sie eingeschlafen.
Onja kannte das. Wieder der übliche Krach. Wieder war der Streit garantiert nicht ernst gemeint.
Ihr Vater Orgios hatte wie immer anfangs im Wohnzimmer im Obergeschoss faul auf seiner Matte gelegen und so getan, als schliefe er. Natürlich hatte er gehört, wie Mona und Salio die Treppe hoch gestürmt waren. Natürlich ohne an ihn zu denken. Sie rissen die Tür auf, Mona erstarrte vor Schreck. Nur nicht den Vater aufwecken! Schließlich packte sie Salio am Arm und drängte ihn rückwärts von der Tür weg. Orgios lag noch einen Moment still. Er freute sich darüber, wie rücksichtsvoll seine Kinder waren. Aber dann hielt er es nicht mehr aus. Kurz bevor Mona und Salio die Tür zugezogen hatten, prustete er los. Im Nu schnellten die beiden Zehnjährigen wie Lo-Bälle in den abgedunkelten Raum. Nach Salios Meinung war nun nur eines zu tun: Papa bestrafen. Und zwar hart: Salio versuchte, Papas Arme festzuhalten, während Mona die eigentliche Bestrafung vornehmen sollte. Die hätte in einem ausgiebigen Abkitzeln bestanden. Das fiel Mona aber schwer. Freilich zuerst sah es so aus, als ließe sich Orgios von Salio ablenken. Mona bekam den linken Fuß zu fassen und kraulte die väterliche Fußsohle. Nun zuckte Orgios mit dem ganzen Körper. Da rächte es sich, dass Monas Hände nicht groß genug waren, um die beiden Knöchel des Vaters zu umfassen. Schließlich schlug er auch noch mit dem freien Fuß aus. Er musste dabei die Arme anheben. Pech für ihn: Damit bot er Salio die Chance, die Finger zwischen seine Rippen zu drücken. Das Knäuel kugelte über die Matte. Bald hätte niemand mehr sagen können, wer was bei wem gemacht hatte, erst recht nicht, wer dabei lauter brüllte, quiekte und lachte. Wahrscheinlich Orgios mit der auffälligsten Stimme von allen.
Langsam füllte sich das Zimmer: Angelockt von dem Gebrüll öffneten zuerst Liota und Orit die Tür. Die Zwillinge waren gerade drei Jahre alt und noch sehr zurückhaltend. Sie begriffen nicht, dass mit ihrem Vater Unsinn getrieben wurde, vor allem, dass der das beabsichtigt hatte. Doch endlich kam Onja dazu mit ihrem großen Bruder Pedo. Sie sahen sich kurz an, erkannten ihre Chance, stürzten sich begeistert auf den Haufen, was die beiden kleinen Mädchen als Aufforderung verstanden, nach Papas frei in die Luft ragenden wackelnden Zehen zu haschen. So merkte niemand, dass Mutter Lutara zur Tür hereinsah, dann wieder verschwand und schließlich mit einer riesengroßen Glocke zurückkam. Die schwang sie mit aller Kraft. "Ruhe! Nach einem ordentlichen Arbeitstag darf eure Mutter wohl entspannen, wenn sie wieder zu Hause ist."
Die hellgrünen Gesichter der anderen waren übersät mit Hitzeflecken. Alle blickten betreten die Mutter an. Die aber schimpfte weiter: "Und wer ist mittendrin? Orgios! Solltest du nicht deine Erziehungswoche dazu nutzen, dass die Kinder zu Hause etwas lernen und anständige Umgangsformen annehmen? Aber was machst du? Was soll da nur aus unseren Kindern werden?" Plötzlich hielt auch sie es nicht aus. Sie schleuderte sich ihrer Familie entgegen. "Na wartet!" war das letzte, was die anderen verstanden, dann übertönten unartikulierte Laute jedes Wort.
Natürlich verbündeten sich alle gegen Vater Orgios. Was den einzelnen Kindern anfangs misslungen war, gelang nun mit gemeinsamer Kraft: Jeder hielt je einen Arm oder ein Bein fest. Niemand protestierte dagegen, dass ausgerechnet Lutara am eifrigsten Klavier zwischen Orgios´ Rippen spielt. Salio war schon ziemlich erschöpft, hätte das aber nie zugegeben.
Ganz unauffällig veränderte sich die Szene. Onja bemerkte es als erste. Orgios wehrte sich immer weniger heftig, und dann sah Onja den noch geschlossenen Anker zwischen den Beinen des Vaters hervorwachsen. Bald würde er sich öffnen. Onja wusste, wie glücklich es Mutter Lutara machte, wenn sie als Hafen den Augenblick des Ankerns genießen konnte. Dabei hätten die anderen nur gestört. Onja gab Pedo einen Wink. Der begriff sofort. Zusammen packten sie je zwei der laut protestierenden und in der Luft rudernden Kleinen und trugen sie aus dem Zimmer. Orgios lag reglos auf seiner Matte. Er lächelte seinen Kindern hinterher. Das bemerkte Onja schon nicht mehr. Mit warmer Stimme trug sie den Kleinen Schlaflieder vor. Pedo spielte dazu auf seiner siebensaitigen Jatta. Allmählich gelang es ihnen, die jüngeren Geschwister zur Ruhe zu bringen. Von dem ahnte Orgios nur wenig. Er hörte fast gar nichts mehr, denn sein Anker lag auf Grund.
Onja fing einen bewundernden Blick ihres Bruders auf. Sie fand es wunderbar, so einen großen Bruder zu haben. Seit ihre Zitzen die sie überdeckenden Sonnenblätter gelichtet hatten, war er noch fürsorglicher zu ihr als früher. Oder lag es daran, dass sie ihn als einzige nicht ausgelacht hatte, damals, als ihm einfach so inmitten der Schulkameraden der Anker ausgefahren war? Da hatte sie sich vor ihn gestellt, damit er sich wieder beruhigen konnte.
Anfangs summten die jüngeren Geschwister mit. Irgendwann fielen ihnen die Augen zu. Onja und Pedo kontrollierten, ob sie eingeschlafen waren. Es sah ganz so aus. Dann schlichen sie zur Tür vom Wohnzimmer. Lauschten. Dort grummelte es leise und gleichmäßig.
"Sie schlafen. Ineinander!"
Onja fühlte selbst, wie belehrend das klang. Das hatte sie nicht gewollt. Pedo schluckte die Antwort, dass er das selber wisse, herunter. Schließlich wollte er nicht die größte Ehre verderben, die ihm die Schwester gewährte: Onja griff sich seinen Arm, legte sich auf ihrer Matte zurecht, zog sich wie ein Gürteltier um ihn zusammen und schlief scheinbar sofort ein. Nur er war noch wach. Das gab ihm das Gefühl, dass alle auf seinen Schutz vertrauten. Im Halbschlaf lächelte Onja: So ein Unsinn. Vor wem sollte Pedo sie beschützen. Er ließ sich ja selbst von Haloh auslachen. Aber dem hatte sie eine kräftige Backpfeife verpasst. Das war sie ihrem Bruder einfach schuldig.
Lange konnte sie nicht geschlafen haben. Trotzdem fühlte Uljana sich erfrischt und ihr schien, als könnte ihr nichts und niemand etwas anhaben. Und das Schönste: Alles, was sich unmittelbar vor dem Abflug ereignet hatte, war wieder frisch.
Abflug, das gesuchte Stichwort. Sie erinnerte sich nun, dass sie zu den Passagieren eines außergewöhnlichen Raumfluges zählte. Man hatte sie alle eingefrostet. Daher die Frostschalen, die von außen wirklich an Särge erinnerten. Ihre Mutter hatte ihr ganzes Geld für einen Platz bei dieser Reise ausgegeben. Die Preise, die bei der offiziellen Versteigerung geboten wurden, hätten sie trotzdem nie aufbringen können. Aber ein Computer hatte sie wegen ihrer Passfähigkeit zu den ordentlichen Passagieren ausgewählt.
Das Raumschiff trug den Namen New Home 9. Es gehörte zu einer Flotte, die eine neue Heimat irgendwo draußen im Weltall finden sollte. Mit gefrosteten Passagieren und Mannschaften, damit sie alle bei der unbekannten, aber auf jeden Fall astronomisch großen Entfernung nicht schon im Raumschiff eines natürlichen Todes stürben. In Jahrhunderten oder Jahrtausenden sollten sie nicht einen Tag älter ihr Leben von der Erde fortsetzen. Uljana erinnerte sich an Debbies Worte. Sobald wir uns dann einem Planeten nähern, den der Analysecomputer geeignet zum Besiedeln hält, geht ´s los. Dann beginnt er das Weckprogramm. Aber keine Angst. Das betrifft dich nicht. Kinder bis sechzehn werden erst nachher von ihren Eltern geweckt. Somit wirst du als allererstes mein Gesicht sehen. Das macht dir doch nichts aus, oder?
Von wegen! Das wäre genau das gewesen, was sie sich jetzt gewünscht hätte. Aber Debbie, die ihr immer so gern auf die Schultern klopfte (wir sind doch wie gute Freundinnen, oder? - … vielleicht weil es ihr peinlich war, eine so große Tochter zu haben), hatte sie nicht geweckt. Natürlich gab es auch in der Kälteschlafhalle eine Akustiksteuerung für die Technik … Uljanas Gedanken verhaspelten sich. Die hatte sich ja nicht aktivieren lassen. Sollte sie defekt sein? Und wozu waren dann die Schaltungen an den Schaltkästen? Für den Notfall? Mit Problemen bei ihrem Erwachen hatte sie sich nicht auseinandersetzen wollen. Das war Mums Sache. Und es war wohl ausgeschlossen, dass irgendjemand sich länger als nötig hier unten aufhalten wollte. Etwas war auf jeden Fall nicht in Ordnung. Uljana richtete sich mit einem Ruck auf. Sah sich um. Das Bild hatte sich nicht verändert. Nur der Deckel ihres Behälters war in der Wand verschwunden.
Uljana suchte noch einmal den Instrumentenkasten ab. Der Kontrollchip in ihrem Körper meldete fast ideale Werte an die Funktionsüberwachung. Gleichmäßige Kurven, grün leuchtende Ziffern, kein verdächtiges Blinken, kein rot angezeigter Wert. Bei ihr war also nichts zu korrigieren.
Bei den anderen rührte sich noch immer nichts, Uljana sträubte sich gegen die nahe liegendste Erklärung. Warum sollte sie als einzige aufgeweckt, also der einzige lebendige Mensch auf diesem Schiff sein? Warum hatte das System nicht die Erwachsenen aufgetaut? Ein Programmfehler? Ein Defekt? Eine Katastrophe? Hätten nicht sonst die Erwachsenen längst alles in Betrieb genommen, und Debbie sie hier begrüßt?
Niemand würde sich um ihren sechzehnten Geburtstag kümmern. Lichtjahre von jeder Hilfe entfernt würde sie einsam alt werden, sterben …
Ob sie es noch einmal mit der Akustiksteuerung probierte? Normalerweise müsste sich der Zentralcomputer anrufen lassen. Der konnte alle Fragen beantworten. Dazu war er da und überall gegenwärtig.
"Identifizierung Silberbaum Uljana. Erbitte Angaben zum Zustand von Besatzung und Passagieren!"
Stille.
"Mist!"
Uljanas Ruf verhallte. Sie versuchte, sich zu beruhigen. Eine ausgefallene akustische Kommunikation mit dem Computersystem in der untersten Ebene war natürlich noch keine Katastrophe. Aber im Moment ein denkbar schlechtes Zeichen.
Unschlüssig stand sie neben ihrem Schlafplatz. Sollte sie sich nicht lieber erst etwas überziehen? Aber wozu eigentlich? Es war warm in der Halle. Fünfundzwanzig Grad Celsius. Und im Moment interessierte sich niemand für ihre Nacktheit.
Dreihundert dicht nebeneinander aufgereihte Behälter. Jeweils einhundertfünfzig auf jeder Seite des Ganges. Schließlich gehörten immer dreihundert Personen zur Besatzung der kleinen Expeditionsschiffe: Hundertfünfzig Stammmitglieder, die ihre Teilnahme voll bezahlt haben, und hundertfünfzig Partner, die ihnen der Computer zugeordnet hat, einschließlich Mannschaft, hatte Debbie erklärt, die jetzt nichts Beruhigendes sagen konnte. Dafür diese schlauchförmige Halle. Nirgendwo etwas Anheimelndes. Ein Bild zum Beispiel. Plötzlich erschauderte Uljana.
Ihr Kontrollkasten zeigte weiter beruhigende Kurven und Zahlen über ihren Zustand an. Sie nahm es zur Kenntnis. Die Angst blieb.
Uljana tat sich schwer mit den wenigen Schritten zum benachbarten Behälter. Ein Blick auf die Insassin. Dort lag wirklich ihre Mutter. Auf den ersten Blick war nicht zu erkennen, ob sie eine sorgfältig präparierte Leiche oder eine Eingefrostete war. Tante Elvira hatte genauso ausgesehen, als sie sich alle von ihr verabschiedet hatten. Allerdings war die Tante in ein langes Kleid gehüllt und ihre Hände schienen einen Blumenstrauß zu halten.
Was könnte beweisen, dass diese Frau, die da lag wie tot, nicht tot war? Am liebsten hätte Uljana den Deckel hochgeklappt und die Mutter in die Arme genommen. Aber wie hätte sie Debbie ermahnt? Mädchen, mit einem falschen Handgriff richtest du mitunter einen nicht wieder gutzumachender Schaden an.
Uljana hoffte, etwas übersehen zu haben. Sie ging langsam von einer Schale zur anderen und musterte die Einstellungen der Kästen, die die Lebensfunktionen der Eingefrosteten überwachten. Vielleicht zwanzig überprüfte sie gründlich. Überall dasselbe: Über die Monitore kroch eine grade Linie am Nullpunkt entlang, und die Digitalanzeigen standen ebenfalls auf Null. Uljana hatte mehrere Filme gesehen, wo dies den Tod des Patienten angezeigt hatte. Allerdings war das immer mit einem durchdringenden Alarmton verbunden gewesen, bis die Apparate abgeschaltet worden waren. Hier gab es allein dieses unmerkliche Hintergrundbrummen, dass man nur hörte, wenn man, wie Uljana jetzt, still lauschte.
Uljana lief erneut von Platz zu Platz. Dann wieder zurück. Hatte nicht auch das Schneewittchen in einem Sarg mit gläsernem Deckel gelegen? Wie tot?
Was nun? Niemand hatte es für nötig erachtet, die Kinder in die Reanimationsabläufe einzuweisen. Uljana streckte mehrmals einen Finger in Richtung auf den grünen Button. War etwas schlimmer als hilflos da zu stehen und nicht zu wissen, was zu tun war?
"Mum, sag doch was!"
Als Antwort erschien Uljana das gleichmäßige feine Summen im ganzen Raumschiff jetzt deutlicher und lauter. ...
Leseproben aus:
...
Von der Stadt her eilen viele Menschen zum Fluss. Sehr viele. Die vier tauchen in den Menschenstrom ein.
"Kartos Obere habe viele Ohren." Tjama sieht sich um. Jeder, der sie kommen sieht, kann sie erkennen und den Wächtern zuplaudern.
Natwan lächelt. Noch immer. Immer noch. "Fremde Ohren schaden nur dem Kopf, der Arme lenkt mit blutigen Messern."
"Ja, eben."
"Eben nicht. Wart ab."
Tjama möchte versinken. Jedes Wort könnte ihr gelten. Finger, die dorthin und dorthin deuten. Wann erkennen sie sie?
Latmin lauscht auf die Gespräche. Am Ufer spricht Sann Naa? Latmin hat sie noch nie gehört. Natwan hat von ihr geschwärmt. Sie ist wie ein Flussgeist, dessen Worte manchmal mit den Krügen der Durstigen in die Unteren-Zimmer schleichen. Dann hielten die Menschen die Ohren an die Wände. Wächter sind überall.
"Hört mich, Schwestern, Brüder!"
Eine Frauenstimme. Jung. Kräftig. Die Unruhe ist stark. Wo ist Platz? So viele Menschen an einer Stelle! Ein Wald ohne Durchbruch für verschreckte Tiere am Morgen.
"Anaa, Anaa, Anaa!" Eine Melodie. Die Menschen sind erregt. Tjama versteht noch nicht, warum. Alle lauschen. Tjama lauscht.
"Wir wollen sein zusammen. Meine Ahnen sind meine Ahnen. Sie sind bei mir und wollen kein Blut."
"…und wollen kein Blut."
Stimmen aus der Menge nehmen den Gesang auf. Vor Tjama, Latmin und Natwan sinken die Menschen zu Boden.
"Die Ahnen haben gelebt. Zusammen in Gemeinschaft. Die Ahnen haben gelebt in Liebe. Die Ahnen haben gelebt ohne Obere. Die Ahnen haben gelebt nicht als Untere. Die Ahnen kannten keine Unteren. Die Ahnen kannten keine Oberen. Blut floss nur von den Tieren, die uns Nahrung waren. Anaa! Anaa! Anaa!"
Die Oberkörper derer, die im Sitzen einen gewaltigen Halbkreis bilden, kreisen mit jedem Anaa hin und her. Wenn die einzelnen Sätze dem Mund der fremden Frau Sann Naa Pausen befehlen zum Luftholen, tönen die Alten "Das ist wahr." Und alle singen "Anaa!"
"Der Reichtum ist Schuld, den die Unteren erarbeiten. Der Reichtum ist Schuld, den die Oberen besitzen, ohne zu arbeiten. Der Reichtum ist Schuld, den wir bei den Oberen bestaunen, unsere Ahnen und wir. Anaa! Anaa! Anaa!"
Als strich eine riesige unsichtbare Hand über die sitzend singende Menge mit ihrem "Anaa!" gleichen sich die kreisenden Bewegungen einander an. Wenn die Schwestern und Brüder, die einander nicht kennen, nach links wogen, wogen die Nächsten auch nach links, wenn sie nach rechts wogen, nach rechts. Und sie summen und singen. "Anaa!"
"Die Zeit der Ahnen war schwer. Die Zeit der Ahnen war gut. Die Ahnen waren gut. Die Ahnen waren gleich. Die Ahnen waren die Ahnen. Anaa!"
Eine unsichtbare Hand gehört dem Riesen, der mit der Stimme der Sann Naa singt. Tjama sieht es an den lachenden Gesichtern der beiden Kleinen neben sich. Singen. Das große Singen.
"Die Erde gibt. Die Erde nimmt. Die Erde fault erst mit Fürsprechern. Wir brauchen keine Fürsprecher. Anaa!"
Tjama verwirren die Worte. Nie erlaubte Worte. Tjama singt. "Anaa!"
"Heute werden sie Bjulga opfern. Heute werden sie Artja opfern. Heute werden sie mich opfern. Heute werden sie uns alle opfern. Blut, das nicht trocknet, weil seine Zeit nicht gekommen ist. Anaa!"
Frost dringt durch Tjamas Adern. Adern, blau wie der Fluss, betrachtet durch die Augen der Geier, werden zu Eis. Inmitten des "Anaa!" sammelt sich in Tjamas Lunge eine Blase. Tjama steht auf. Merkt das nicht. Sie öffnet den Mund. Nichts. Dann ist die Blase aufgestiegen. "Nein!!!"
Vieltausend Augen. Der Gesang aus dem gemeinsamen Mund bricht ab. Verwirrt fallen Sehkugeln in die sitzende Menge, zurück in die Gesichter, die auf Tjama blicken. Noch nie haben Tjama so viele Menschen angesehen. Und eine Gasse ist da, durch die eine Frau auf sie zu schreitet. Wallendes schwarzes Haar. Eine Axt von Stein in der Rechten. Sehkugeln, groß und tiefbraun wie Boden unter frisch ausgerissener Wurzel. Fältchen, die wie Straßen zu ihnen führen.
"Du bist Tjama, Tochter der Bjulga, die Tochter ist der Artja?"
Tjama hat keine Angst mehr. "Ja."
Die Frau streckt die freie linke Hand Tjama, nein, Okeana entgegen. Sieht Tjama fordernd an. Zieht das Bündel an sich. Hebt es über sich. Lässt den Blick kreisen.
"Das ist unser Leben!"
Die Melodie ist wieder da. "Anaa!"
"Schwestern! Brüder! Wir stellen her wieder die Welt unserer Ahnen! Folgt mir!"
Tausende Augen bestaunen die erhobene Axt und den als Fahne erhobenen Winzling. Okeana gurrt. Die Frauen und Männer springen auf. "Anaa!" Winzlinge können sie nicht in die Luft heben. Sie würden es tun.
...
Rahman konnte es kaum aushalten. Er erklärte seinen Eltern, er habe am Wochenende wieder einmal Dienst. Dann rüstete er sich mit unterschiedlichsten Werkzeugen aus. Es sollte ein richtiges technisches Wochenende werden. Dachte er.
Er irrte. All sein Werkzeug brauchte er nicht. Am Freitagabend drückte er nur er probeweise die Spitze eines Nagels leicht auf das Bohrloch und klopfte mit dem Hammer darauf. Schon passierte es. Die Schale zerplatzte einfach.
Verwundert starrte Rahman auf die Reste der Kugel, die ihn vom Tisch aus staubig angrinsten: Da lag etwas, was verdächtig an ein benutztes Kondom erinnerte, nämlich die äußere Kugelhülle mit Loch, dann lag da ein Haufen grauer Dreck, teils klumpig, teils staubkörnchenfein, aber was Rahmans Blick fesselte war natürlich der Kern, eben der, der das Röntgenbild so aufregend beherrscht hatte.
Ein schillernder und funkelnder Riesenkristall. Rahman nahm ihn in die Hand, putze ihn blank, genoss das Licht, dass aus ihm zurückstrahlte und presste ihn schließlich fest an sich. Seine Faust schien zu glühen, Wärme auszustrahlen, die wohlig durch den ganzen Körper floss. Ein Glückstaumel. Rahman fühlte sich federleicht. Benommen. Berauscht. Fast im selben Moment aber auch tonnenschwer müde. Er schwankte, summte vor sich hin, wiegte sich wie eine maskuline Bauchtänzerin in den Hüften. Dabei zog er sich in Gedanken versunken aus und legte sich ins Bett. Natürlich ließ er während der ganzen Zeit seinen Kristall nicht eine Sekunde los. Er barg ihn in der rechten Hand. Mit der linken streifte er Hemd und Hose vom Körper. Ließ sie am Boden liegen und sich ins Bett fallen. Einhändig zog er die Decke über den Körper.
Welch ein Gefühl! Ein unbeschreiblich wertvoller Kristall. Ein sich kurz aufbäumender Gedanke: Rahman, schon morgen haben sich alle Illusionen in Wohlgefallen aufgelöst. Du erkennst ja nicht einmal den Unterschied zwischen einem Edelstein und einem ziemlich wertlosen Bergkristall. Wenigstens für diese eine Nacht bin ich reich, antwortete er sich. Dabei vergaß er sich zu wundern. Wer wird schon so unvermittelt müde und schläft dann nicht ein?
Irgendwann musste er doch eingeschlafen sein. Diese schwebenden, ihn gnadenlos jagenden Kristalle … Grrr! Und dieser leere Raum. Er war gerannt und gerannt, hatte keine Luft mehr bekommen, … und hätte jetzt schweißgebadet feststellen müssen, dass er sich die Decke über den Kopf gezogen hatte, dann wäre es ein wunderschöner Albtraum gewesen zum Weitererzählen.
Aber die Unruhe nahm eher noch zu, jetzt, da er, mit trockener Haut und ohne Decke überm Kopf, aufgewacht war. Wirklich aufgewacht? Ganz sicher? Vielleicht war er nur von einem Traum in den nächsten geraten?
Neben ihm zischte etwas. Das war eigentlich nicht möglich. Rahman hatte das Zimmer von innen verriegelt und sein Zimmergefährte war übers Wochenende abgeholt worden. Es konnte also nichts und niemand im Raum sein und zischen.
Am liebsten hätte Rahman laut "Ist da wer?" gerufen. Geantwortet, "Ja. Ich!" und gelacht. Aber dafür war das Rauschen zu deutlich. Es hörte sich an, als ob Gas aus einem Rohr ausströmte. Oder, nein, das Geräusch in seinem Zimmer wurde deutlicher, es kam näher. Rahman atmete ein, aus, ein … Er hielt den Atem an. Kein Zweifel: Etwas rauschte vom Tisch her auf ihn zu und das war, so sehr er sich das gewünscht hätte, nicht sein Rausch.
Es wurde immer heller. Der ganze Raum war von blauem Dämmerlicht erfüllt. Das kam vom Nachttisch.
Die Lampe verbreitete normalerweise natürlich kein blaues Licht, und Rahman hatte sie sowieso erst anschalten wollen. Sein linker Zeigefinger hing noch auf dem Weg zum Lichtschalter in der Luft.
Rahman lag da wie erstarrt. Der Lampenschirm! Ungläubig klebte Rahmans Blick auf dem bisher so herrlich kitschigen Muster. Wie sich der Schirm veränderte. Sich bewegte. Das war … Also er schäumte kurz auf. Ebenso kurz glitzerte er wie von Eiskristallen überzogen. Dann verlor er jede Kontur und schmolz. Auch der Schreibtisch darunter sackte wie in einer Computersimulation zu einem zähen Brei zusammen.
Rahmans Blick verfolgte fassungslos die tropfenförmigen Etwasse, die über seine Einrichtung hinwegspritzten. Bläulich leuchtende, sich scheinbar aus eigener Kraft bewegende Tropfen. Ja, wirklich: Die hüpften! Wie lebendig! Immer dort, wo sie auftauchten, lösten sich die gewohnten Dinge in Dreckbrei auf. Die Tropfen veränderten ständig ihre Gestalt. Strahlten, glühten, teilten sich. Sprangen weiter, wo alles zu Brei geworden war, wo nichts mehr stand oder lag …
Und Rahman lag in seinem Bett! Wenn sie so weiter machten, hätten sie es bald erreicht! Sich selbst umherspritzend, hüpfend…
Ein Traum! Ein Albtraum! Rahman, wach auf!
Dumm nur, er kam sich wahnsinnig munter dabei vor. Und das Kneifen mit der linken Hand verursachte echte Schmerzen. Mehr als man träumen konnte. Trotzdem: Wo gab es so etwas sonst? Vor lauter Angst, Schreck oder was auch immer bekam Rahman keinen Laut über die Lippen. Er rührte sich nicht.
Gerade noch rechtzeitig, bevor die ersten Tropfen das Bett erreichten, schnellte er dann doch hoch. Landete artistisch auf dem Fensterbrett, dem einzigen Rest seines Zimmers, den die Tropfen noch nicht erobert hatten. Den Weg zur Tür hatten sie versperrt, Tisch und Stühle in der Zimmermitte waren im Brei verschwunden. Vor Rahmans Augen verwandelte sich das Bett, in dem er eben noch gelegen hatte, erst in etwas Glitzerndes. Dann löste es sich auf. Mit etwas tieferem Schlaf hätte er schon schlammige Ruhe.
Mühsam suchte Rahman nach Ordnung in den Gedanken.
Einmal angenommen, er sah, was er sah, was sah er dann? Verwandlungen, die immer mit einer Schaumwolke begannen, auf der die ersten Tropfen ritten. Dann Eiskristalle auf der bisher gewohnten Zimmereinrichtung, auf die er notfalls auch verzichten konnte, und dann schmolz alles zu einer breiigen Masse zusammen. Wenn er nicht schnellstens einen Fluchtweg fand, dann konnte er sich schon einmal einen Breiklumpen aussuchen, in den er aufgehen würde.
Eine Schaumwolke näherte sich ihm. Inzwischen war auch der letzte Schrank verschwunden. Der Raum war leer. Bis auf den Brei und die lebhaft funkelnden Tropfen an seinen Rändern. Die Zimmertür sank zusammen. Löste sich auf. Gab dem träge fließenden Strom den Weg nach draußen frei …
Rahman schöpfte wieder Hoffnung. Unmengen blau funkelnder Tropfen spritzten weg auf den Flur. Fließt nur, fließt! Sucht euch was anderes! Warum bildete er sich ein, dass ein Teil dieser Misttropfen an der Mauer nagten und zu ihm hochzuspringen versuchten? Weg, weg!
Die Tropfen ließen ihm immer weniger freien Raum. Scheinbar gezielt rückten sie gegen ihn vor, langsam, aber unerbittlich. Holten sich immer mehr Brüder, Schwestern und gefräßige Nichten, obwohl sie doch längst über den Flur hätten abfließen können.
Rahman krallte sich mit einer Hand am Fensterkreuz fest, mit der anderen umklammerte er noch immer seinen Kristall. Er brüllte um Hilfe. Hoffte für einen Moment, dass ihn niemand hören möge. Für den konnte es doch nur genauso ausgehen wie für ihn selbst.
Ihm blieb nur eine Chance: Raus! Da waren zwar ein paar Etagen bis unten, aber …Nur raus hier! Draußen …
Schon hatte Rahman das Fenster aufgerissen. Mit einer Windbö klatschte erfrischender Regen ins Zimmer. Dort, wo er auf die funkelnden Tropfen traf, zischte es und … denkste: Nichts war gelöscht. Im Gegenteil! Einige Breimacher spritzten nach oben. Erreichten Rahman. Nicht viele, aber das war wohl egal. Er merkte es ja nicht mehr. Er hatte sich gerade etwas nach draußen gebeugt, da begann seine Umwandlung. Als eine Glitzerpuppe war der vorgebeugte Teil schwerer als das Beinstück. Das ganze Ding, was einmal Rahman gewesen war, stürzte zum Fenster hinaus. Auf dem Trottoir prallte es auf und zerbrach. In weitem Halbkreis verteilten sich die Bruchstücke. Rahmans Hand am abgebrochenen Unterarm umklammerte noch immer den Kristall und bot sich sofort als künftiges interessantes Fundstück dar. Vielleicht mit zwei Zehntelsekunden Unterschied hätte die ganze Puppe eine Jahrhunderte überdauernde Festigkeit gewonnen. Bevor sie pampig geworden wäre. So aber sprangen die wenigen Tropfen, die mit abgestürzt waren, von ihrem absolut unvollendeten Werk in unbekannte Richtungen davon.
...
Ela stapft los. Unsicher mustert sie ihre Umgebung. Vielleicht wird sie von dem wohlmeinenden Biest belauert? Oder ist es jetzt nicht da? Muss sie sich allein gegen die feindliche Tierwelt wehren? Ela schüttelt den Gedanken ab. Sie sollte lieber genauer auf den Weg achten. Auf diesen schlangenförmigen nackten Ast zum Beispiel. Irgendwie hängt der verdächtig einsam auf den Weg herunter. Ela bleibt stehen.
Am Wegrand findest du verschieden große Wanderstöcke.
Kaum ist der Gedanke in ihr, da beugt sie sich herunter, und wirklich: Ein zweigloser Ast wartet regelrecht darauf, von ihr gefunden zu werden. Als sie ihn aufstellt, überragt er sie um ein Stück. Ela erinnert sich an ein Gemälde: Ein Schäfer auf einer Bergwiese stützt sich auf einen ähnlichen Riesenstock. Jetzt ist sie eben eine Schäferin in dieser fernen Welt. Mit ihrem Stab tippt Ela spielerisch den Ast an, der ihr so merkwürdig vorgekommen war. Plötzlich vollführt der blitzschnelle Wellenbewegungen, schlägt eine Acht, zieht sich zusammen, zermalmt den Knüppel und verschwindet im Blätterwerk.
Stille. Ela rührt sich nicht. Auch um sie herum rührt sich nichts. Kein Geräusch. Nichts. Als wäre nichts gewesen. Langsam löst sich Elas Erstarrung. Misstrauisch duckt sie sich, geht - gespannt jede Bewegung des Blätterdachs über sich beobachtend - unter der Stelle hindurch, wo soeben der angebliche Ast gehangen hat. Die Blätter, die von nahem eher an Farnzungen erinnern, geben den Blick auf den unheimlichen Gegner nicht frei. Ela erwischt sich schon wieder dabei, dem Unbekannten Namen zu geben, die vielleicht nur auf der Erde zutreffend sind. Aber was soll sie tun? Es ist alles so schnell gegangen. Das Etwas kann eine Schlange gewesen sein oder zu einem der Waldgewächse gehört haben. Oder es ist der Rüssel oder der Greifarm eines riesigen Tieres gewesen. Eines riesigen Tieres, das sie noch immer belauert, ohne dass sie es sieht… Wenn sie nur nicht so wehrlos wäre!
Bei planmäßigen Erkundungen trugen alle Mitglieder der Außenteams natürlich Strahler bei sich. Die letzte Erinnerung aber ist jene Katastrophe während der normalen Bordroutine. Warum hätten sie da Waffen bei sich tragen sollen?
Es ist nicht mehr weit. Keine Angst.
Schon wieder so ein fremder Gedanke. Er ist eigentlich sehr beruhigend … vom Inhalt her. Aber trotzdem verwirrt und beunruhigt er Ela. Sie ist sich jetzt sicher, dass diese Sätze irgendwie von außen in ihr Gehirn geschickt werden.
Ela beugt sich schnell wieder suchend zum Wegrand. Wo der eine Knüppel gelegen hat, fänden sich auch andere.
Es ist schon verwunderlich. Wie bei den Gräsern und einigem anderen, was sie an Pflanzenwuchs beobachtet hat, ist auch der neue Stecken in ihrer Hand extrem gerade gewachsen. Durch den Schlangenbaum gewarnt unterdrückt Ela das Bedürfnis, die Härte der Waffe an einem der Stämme auszuprobieren. Immerhin - gegen den nächsten Angreifer kann sie sich wehren.
Beim Aufheben des Stocks sieht sich Ela den Waldboden genauer an. Schließlich hat sie Zeit. Sorgfältig vergleicht sie das Gesehene mit allem, was sie kennt und was sie sich vorstellen kann. Sie hofft, dass sie sich irrt. Macht ein paar Schritte vorwärts. Wenn sie sich Mühe gibt, vergisst sie vielleicht wieder, was sie gerade entdeckt hat … Nein. Das Gedächtnis lässt sich nicht betrügen. Alles in Ela sucht nach einer möglichst wenig unheimlichen Erklärung. Der Weg ist nicht nur festgestampft oder glatt geschliffen. Das auch. Und dass die Stämme erst vor kurzem abgeschnitten worden sind, hat sie erwartet. Aber die Stümpfe haben Brandspuren, als hätte jemand mit einem punktförmigen Feuer gearbeitet, denn am Wegrand ist das Unterholz viele Jahre unberührt geblieben. Leben hier Wesen, die Laserstrahlen kennen? Wenn ja, dann hätten sie sich verdammt viel Mühe gemacht, ihr Tun zu verbergen. Sie haben etwas wahrscheinlich Pflanzliches über die verkohlten Stümpfe geschleift; so sieht es aus, als sei alles lange her. Ela graust es. Wenn sie sich ausmalt, dass sie geschlafen hat, während jemand die abgetrennten Baumstämme aus dem Wald geschafft hat! Ihretwegen! Vor allem: Welchen Lärm hat sie da verschlafen!
Ela geht weiter. Bisher ist der Weg eine tief beschattete Gasse. Nach oben lässt er nur einen knappen Schlitz zum Himmel frei. Doch nun erkennt Ela das Ende des Waldweges. Immer näher kommt der Punkt, an dem sich das Licht der fremden Sonne ungehemmt ausbreitet. Ela zweifelt nicht daran, dass sich dort auch das Geheimnis der vergangenen Stunden aufklärt. Unwillkürlich geht sie langsamer. Nicht allein, weil die Waldluft frisch und kühl ist. Inzwischen filtert ihre Nase auch den Geruch von Holzkohle aus dem Waldduft heraus. Oder bildet sie sich das ein, weil es nach einer "Brandrodung" einfach so riechen muss? Sie klammert sich an ihren Knüppel. Für einen Moment lächelt sie wieder.
Sie ist sich sicher, dass sie gleich vernunftbegabten Wesen gegenüberstehen wird. Sie stellt sich vor, in ihrem jetzigen Aufzug aus dem Wald bei Benns City zu kommen. Wie da ihre früheren Nachbarn reagiert hätten! Sie legt den Knüppel auf dem Boden ab, versucht mit den Händen die wirren Haare etwas zu ordnen, putzt Dreckreste von ihrer Kleidung, zuckt mit den Achseln, weil ihre Mühen kaum Verbesserungen bringen, und greift dann wieder zu dem Knüppel. "So, ihr Monster, dann wolln wir mal!"